Das Messer ist nur der Schrei
Es war kalt, es war regnerisch und ich war nicht gut drauf. Trotzdem raffte ich mich dazu auf, mitten in der Woche mit diese eine Kneipe zu gehen. Ich wollte mich ablenken, die Kumpels wollten ein bisschen Spaß, raus aus dem Alltag.
Eigentlich sind solche Versuche der Ablenkung von der eigenen Einigelung gegen die Welt da draußen zum Scheitern verurteilt. Was könnte einen auch schon auf andere Gedanken bringen? Vielleicht ein Atompilz über der Stadt, oder ein Massenunfall auf der einzige größeren Kreuzung der kleinen, miesen Provinzmetropole. Es war immer noch die selbe Stadt, die als kleiner Junge mal groß und geheimnisvoll fand, was sie aber nie war.
An diesem Abend sah ich sie, in dieser kleinen miesen Kneipe, in der immerhin die Gäste mit Musik unterhalten wurde, welche jemanden die Provinzialität für Stunden vergessen ließ. Es waren ihre Augen, die genauso aussahen wie die ich früher diesen Ort empfand, groß und geheimnisvoll.
Diese Sekunde, in der sich unsere Blicke trafen, änderten plötzlich alle Empfindungen. Grau wurde zu blau, rot und grün. die traurige Meoldie in meinem Kopf bekam unbekannte Nuancen einer Leichtigkeit. Wir sprachen miteinander, es war nicht enttäuschend, aber auch nicht hoffnungsvoll. Ich bekam ihre Telefonnummer.
Am nächsten Tag verabredete ich mich mit ihr, ich schrieb viele Textnachrichten.
Sie war eine Frau mit Vergangenheit. Ich hörte es nicht nur, während sie erzählte, ich sah es auch. Ihr Arm war vernarbt. Vernarbt wie ihre Seele von Wunden der Vergangenheit. Ich meinte sie zu verstehen, mich an ihre Stelle in ihren Erzählungen über ihre Vergangenheit versetzen zu könnten. Ich ahnte eine Seelenverwandtschaft.
Ich verstand sie. Was passierte, verstand ich. Und ich mochte sie. Trotz oder gerade wegen ihrer Vergangenheit. Ich wusste nicht, das ich bereits hier einen Fehler beging. Ich trennte zwischen Vergnanngenheit und Gegenwart.
Wir trafen uns oft. Sie hatte einen Sohn. Er war immer dabei, wenn wir uns trafen. Ich freute mich jedesmal darauf, beide zu sehen. Obwohl es nicht einfach war. Nicht einfach für mich, aber noch viel weniger für sie und schon gar nicht für ihn. Ein Kind großzuziehen, zu lieben und selbst kaum die Kraft dafür zu haben, ist jeden Tag eine fast unlösbare Aufgabe. Ein Kind, das an ADS leidet, macht die Sache nicht einfacher. Wir schwer es wirklich ist, konnte ich aber nur unterschätzen.
Sie erzählte mir, das sie in Behandlung ist. ich dachte mir, das sie Fortschritte dabei gemacht hat. Mir wurde klar, das ich sie zwar kannte, aber dies nur ein kleiner Lichtschein in einem großen dunklen Wald war. Aber es störte mich nicht. Zu dieser Zeit.
Das wir uns mochten, war nicht zu übersehen. Ihr Kind hasste mich dafür. Es war schwierig. Ich war bemüht, ihm zu zeigen, das ich nicht vor hatte, ihm seine Bezugsperson zu nehmen. Und ich glaubte auch, dass das Eis langsam mit jeder Begegnung zwischen uns schmolz.
Eines Tages waren beide bei mir. Ich hatte ein paar Kleinigkeiten vorbereitet. Es sollte ein schöner Abend werden.
Aber es war diesen Abend eine andere Stimmung. Irgend etwas stimmt nicht. Ich kannte sie schon gut genug, um zu spüren, dass etwas anders war. Ich sah es auch recht bald. Neue Narben, frisch, der Schorf war noch nicht mal getrocknet. Ich war schockiert. Wusste nicht, was ich sagen sollte.. und sagte lieber nichts.
Ich streichelte sie und wusste, dass ich nicht stark genug war, ihre Vergangenheit mit ihr zu bewältigen. Eine Vergangenheit, die eigentlich die Gegenwart war. Es gabe keine Grenze zwischen damals und heute bei ihr. Das, was ich vernarbt sah, war nicht vergangen, sie war mittendrin und ich war mittendrin. Und ich wusste, dass mir die Kraft fehlen würde, diese Narben mit ihr zu bewältigen.
Ich sah meine eigene Unfähigkeit, und konnte nichts dagegen machen. Ich konnte nur noch zusehen, wie fernsehen. Agonie.
Nach diesem Abend haben wir uns nicht mehr gesehen. Nicht mehr gesprochen, nicht mehr gelesen voneinander. Ich kann den nächsten Schritt nicht gehen. Sie wohl auch nicht.
So sieht ein wohl erbärmliches Ende aus...


