Ein ganz normaler Abend
Ich sitze auf einem Klappstuhl von IKEA - der eigentlich für den Garten oder die Terrasse entworfen wurde - am Esstisch, vor mir steht der laufende Laptop, dessen Lüfter leise vor sich hin wimmert, im Rücken buhlt der Fernseher mit der Geräuschkulisse eines durchschnittlichen Aktionthrillers um Aufmerksamkeit, das Display des Handys leuchtet von Zeit zu Zeit auf, während es den Äther nach dem Heimatnetz absucht, welches hier nur spärlich vorhanden ist.
Die beiden Teebeutel in der Kanne, die ich vorhin mit kochendem Wasser aufgefüllt habe, warten darauf, ihren Weg in den Müllbeutel zu gehen... und ich sitze da und lese ein Buch über Nerds und Techies.
Das Buch ist schon über 15 Jahre alt und handelt davon, wie Kodierer und andere Sklaven ihr Nicht-Leben verbringen. Würde das Buch heute geschrieben, wäre es sicherlich ein Blog geworden, wäre es damals nur online erschienen, könnte man heute genau erklären, welches das Urblog, quasi der Vater aller Blogs gewesen ist.
Aber es ist nur ein Buch, aus Holz und Druckerschwärze. Eigentlich kenne ich es, und doch ist es wieder fesselnd, obwohl ich es seit 15 jharen zum x-ten Male lese. Nur im Augenblick kann mich die Magie des Nerdlebens nicht einfangen, da dies nicht die richtige Zeit zum lesen ist.
Bücher sollte man zur richtigen Tageszeit lesen. Abends im Bett, wenn die einzelnen Hirnareale nacheinander runterfahren ist lesen genauso unmöglich, wie gerade jetzt, wo die halbe technische Einrichtung meiner Wohnung nach Aufmerksamkeit schreit. Am entspannendsten ist lesen eigentlich morgens, nach dem Badbesuch und vor dem Weg zur Arbeit.
Die Haupterkenntnis des heutigen Abends liegt darin, dass man ab einem gewissen Alter, welches ich bereits überschritten habe, die Gefahr besteht, sich minderwertig im Bezug auf die Gesellschaft im allgemeinen und den Arbeitsmarkt im besonderen zu fühlen, obwohl der einzige Unterschied die Zehnerstelle im Alter ist, selbst die Faltenanzahl würde noch kein hinreichendes Entscheidungsmerkmal abliefern.
Ich lese also in diesem Buch, um mich von anderen Gedanken abzulenken, und das einzige, was ich geschafft habe ist, den überwiegenden Teil des Speichers mit Gedanken vollzumüllen, von den ich mich heute abend eigentlich befreien wollte.
Also lege ich das Buch beiseite, öffne die Textverarbeitung meiner Wahl und schreibe die Gedanken auf, die mir gerade durch den Kopf geschossen sind. Und ich weiß nicht, ob das Aufschreiben jetzt gerade was gebracht hat. Na, mal sehen.




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